📚 Hundeerziehung und Nützliches

Meine Angsthündin

Eine kleine Einleitung

Auch wenn ich selbst immer wieder betone, wie wichtig es ist, sich nie unüberlegt oder unvorbereitet einen Hund zu holen, so war dies bei uns damals der Fall. Als unsere erste Hündin einzog, war dies mehr als spontan, es bestand zwar schon ein langem der Plan nach einem eigenen Hund, aber erst in 2-3 Jahren und dementsprechend hatten wir kein Zubehör und kein Futter oder Hundebett zuhause, als unsere erste Hündin bei uns einzog. Ich hatte sie entdeckt und mich sofort in sie verliebt und einen Tag später zog sie dann ein. Auch wenn ich mich nach dem Einzug sofort dran setzte, mir Wissen anzulesen und eine Trainerin kontaktierte, so sollte das nie der Weg sein und wirklich niemals unüberlegt gehandelt werden.

Unsere ersten Hündin wurde über Kleinanzeigen angeboten und wurde verschenkt, da die Besitzerin ein Kind bekommen hatte und der Hund ihr nun eine Last geworden ist, nach über acht Jahren. Darum sollte der Hund so schnell es geht weg. Als wir uns meldeten und uns getroffen haben, wollte sie nichts von uns wissen und erzählte uns nur das beste über die Hündin. Eigentlich hätten damals alle Alarmglocken schrillen sollen, aber wir waren sofort total in die kleine niedliche Maus verliebt und waren bereit, alles dafür zu tun, was nötig sei um ihr ein schönes Leben zu ermöglichen. Von der Besitzerin haben wir nie wieder etwas gehört und uns nur gewundert, dass man seinen geliebten Hund so einfach abgeben kann, ohne nachzufragen, ob er sich gut eingelebt hat.

Mit Liebe und Respekt kann man (fast) alles erreichen.

Meine erste Hündin war eine Angsthündin

Die Heimfahrt war nur kurz und ging problemlos, zuhause aber verkroch sie sich erst einmal in eine dunkle Ecke und es dauerte einige Stunden bis sie hervor gekrochen kam, um sich alles in Ruhe anzusehen. Das erste Gassi gehen zeigte erstaunliches, denn es war ihr unbekannt. Sie war scheinbar noch nie in ihrem Leben Gassi gegangen, denn sie war damit völlig überfordert, und eine Leine kannte sie auch gar nicht. Zudem kam, dass sie nur ein Halsband für Katzen trug, also ein ganz schmales und dieses war bereits mit den Haaren verwachsen, so dass wir das Halsband durchschneiden mussten um es abzumachen.

Der Zustand der Hündin war ungepflegt, das Fell an vielen Stellen verfilzt und sie selbst war eigentlich nur Haut und Knochen, obwohl sie angeblich gerne fraß, aber das Futter was wir mitbekamen, welches ein ganz übles Supermarktfutter war, rührte sie nie an. Mein Glück, da ich eh auf ein hochwertigeres Futter umstellen wollte, sobald ich mich eingelesen hatte. Da sie ein Zwergpudel war, ging ich nach zwei Tagen direkt zum Hundefriseur um sie scheren zu lassen. Außerdem hatte sie nur ein Auge, die alte Besitzerin hatte uns hierzu eine ganz komische Geschichte erzählt, die aber einfach unglaubwürdig ist und wir niemals geglaubt hatten.

Nach einigen Tagen zeigte sich, dass einfach alles was im Alltag vorkommt, etwas neues für die kleine Maus war und ihr große Angst machte. Bei Kindern zeigte sie eine große Aggressivität und fremde Männer fand sie sehr beängstigend, aber meinen Mann liebte sie abgöttisch und das vom ersten Moment an. Bei schnellen oder plötzlichen Bewegungen zuckte sie immer zusammen und wenn man lauter redete oder die Hände schnell bewegte duckte sie sich zusammen, als wäre sie geschlagen worden. Wir vermuten bis heute, dass sie schlimmste Misshandlungen erlebt haben muss und wollen uns gar nicht ausmalen, was diese arme Seele alles erlebt haben muss.

Reva ist ein fröhliches Hundekind.

Flashbacks und extreme Angst vor allem gehörten zum Alltag

Auch wenn die kleine Maus ein zauberhaftes und liebes Wesen hatte, so zeigte sich ganz klar, dass sie Artgenossen und Kindern gegenüber die gleiche Aggressivität an den Tag legte und dies war wirklich schlimm, denn in der Großstadt ist es schwer, diesen auszuweichen. Sie bellte sogar aus dem Auto heraus Kinder an, auch wenn es nur Kinderwagen waren. Wir wissen nicht, ob es etwas mit dem alten zuhause von ihr zu tun hatte, aber vermuten da einen Zusammenhang.

Ein Anti-Pöbel-Training für Hundebegegnungen mit der Hundetrainerin hatte leider keinen Erfolg gebracht und bei Begegnungen mit Kindern haben wir sie dann anfangs nur auf den Arm genommen, um den Kindern keine Angst zu machen. Später haben wir dann angefangen hieran zu arbeiten und ihr mehr Sicherheit zu vermitteln, was sich dann schnell besserte. Nach einem halben Jahr intensiven “Kindertrainings” waren wir sogar so weit, dass fremde Kinder sie streicheln konnten, aber ich hielt sie dabei immer fest auf dem Arm und sie konnte das dann sogar geniessen.

Das Artgenossen-Problem aber blieb bis zum Schluss und ging nie weg. Wenn im Freilauf ein Hund gesichtet wurde, kam sie sofort zu mir und versteckte sich hinter mich oder wenn sie zu langsam für ihn war, legte sie sich ängstlich und zitternd vor ihm. An der Leine pöbelte sie ohne Ende und konnte sich auch nur schlecht beruhigen und bellte ewig hinterher, obwohl der Hund längst weg war. Sie suchte auch nie die Nähe zu ihr bekannten Hunden und wich diesen lieber weiträumig aus.

Ein großes Thema waren auch Dunkelheit und Flashbacks. Irgendwie löste die Dunkelheit immer wieder Panik in ihr aus und das Gassi gehen bei Dunkelheit war unmöglich, da sie hier alles panisch anging was sie dachte zu sehen, obwohl da nix war. Sie wirkte dabei mal panisch, mal aggressiv und dann wieder extrem verängstigt. Alleine bleiben bei Dunkelheit war unmöglich und wir ließen dann immer das Licht an.

Flashbacks kamen regelmässig in Situationen wo man lauter redete oder wir uns mal stritten. Dann kauerte sie sich zusammen und wimmerte vor sich hin, ich hatte ganz oft den Eindruck, dass sie richtige Tränen weinen würde da ihre großen Augen richtig nass aussahen. Ansonsten lösten laute Geräusche oder auch die Silvesternacht immer wieder Flashbacks aus.

Reva ist für jeden Spaß zu haben.

Gesundheitliche Probleme durch die Ängste

Da Angsthunde extrem unter ihren Flashbacks leiden und permanent unter Stress stehen, sind gesundheitliche Probleme nichts seltenes und das betraf auch leider unsere kleine Maus. Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir nachts raus mussten, weil sie aufgrund von Alpträumen oder nächtlichen Flashbacks sie Durchfall und Bauchweh bekommen hatte. So oft machte ich die Nacht mit mir ihr durch, um ihr Nähe und Liebe zu geben.

Kleine Alternativen statt strenge Erziehung

Als wir die ersten Monaten zusammen Verbacht hatten, musste ich feststellen, dass ich zu viel verlangen würde, wenn ich meiner Hündin mit ihren neun Jahren, nun noch eine Erziehungsmethode aufdrücken würde. Daher verzichteten wir auf eine Erziehung und arbeiteten eher an kleinen Dingen und daran, dass wir für Probleme stabile Lösungen finden, die dauerhaft helfen würden. Das klappte unterschiedlich gut und nicht immer so, wie ich mir das vorstellte, aber damit muss man bei einem Angsthund rechnen.

Es war z.B. ganz egal, wie viel Sicherheit ihr wir versuchten zu geben, es hat nie gereicht und so hat sie bis zum Schluss immer versucht die Dinge selbst zu klären, weil das einfach so in ihr drin war und nicht mehr raus ging. Wofür sie aber sehr dankbar war, waren feste Abläufe und Routinen und man merkte schnell, dass sie sich hieran viel besser am Alltag orientieren und diesen durchstehen konnte. Sie wurde dadurch etwas sicherer.

Da wir auf die Erziehung verzichteten und sie so reagieren durfte wie sie es gewohnt war, z.B. mit anschlagen wenn es klingelte, versuchten wir ihr eine stressfreie Alternative anzubieten. Wenn es z.B. klingelte, durfte sie zwar bellen, musste aber lernen sich schneller zu beruhigen und durfte nicht zur Tür gehen. So gab es zwar schon etwas Erziehung, aber das sehe ich eher als kleine Lösungsalternative an. So auch draussen, ich ließ sie zwar Hunde anbellen, aber sie musste lernen sich schneller zu beruhigen. Es hat gedauert und war nicht einfach, zumal ich hieran nicht alleine arbeiten konnte und die mithilfe meines Mannes brauchte, aber wir kamen in kleinen Schritten immer besser voran und es wurde für die kleine Maus stressfreier. Denn wir wollten ihr so viel Stress wie möglich ersparen, da sie davon ja schon genug bekommen hatte.

Ob das nun die beste Vorgehensweise war, weiß ich nicht, aber für uns war es das richtige. Ich denke das muss jeder für sich entscheiden, aber da unsere Hündin schon so alt war und auch im Kopf nie gefordert wurde, haben wir versucht das beste daraus zu machen. Sie liebte es, wenn ich mit ihr Kopfarbeit machte, ihr Tricks beibrachte oder mit ihr Intelligenzspielzeug versuchte.

Jede Menge Liebe bis zum Schluss

Was für uns das wichtigste war, war dass unsere kleine Maus jede Menge Liebe erfährt, damit sie in ihren letzten Jahren noch Freude erfährt. Und somit sind wir ihre mit Respekt für ihre Situation begegnete und haben sie akzeptiert wie sie war, waren bei Flashbacks immer für sie da und haben versucht, so gut es eben ging, auf sie einzugehen.

Wir sind jeden Schritt gemeinsam gegangen, sie hat, trotz ihres hohen Alters, noch so viel gelernt und wir haben sogar den Hundeführerschein zusammen bestanden. Wenn mich jemand gefragt hat, wie ich ihr das alles noch beigebracht habe oder wie ich es geschafft hätte, aus diesem total verschüchterten Angsthund so eine offene Hündin zu machen, war meine Antwort immer nur, dass haben wir zusammen geschafft, als Team und mit Liebe und gegenseitigem Respekt. Denn nur so kann es funktionieren.

Wir haben auf gemeinsame Urlaube oder Dinge wie Essen gehen mit Hund verzichtet, da wir damit ihre Ängste vor Menschen und lauten Geräuschen oder neuen Umgebungen nur verstärkt hätten. Aber das für uns nie schlimm, denn wir wussten ja, dass wir ihr damit einen großen Gefallen tun, wenn wir zuhause bleiben und haben dafür tolle Ausflüge mit ihr gemacht an Orte wo es ruhig und leer war und dort hatte sie den größten Spaß überhaupt.

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